Abenteuer ohne Angst – geht das?

04.07.2022 | von Ewald Staltner
Den Nervenkitzel des Abenteuers spüren, sich aus dem geschützten Bereich des Alltags hinauswagen, die Sehnsucht nach neuen Erfahrungen leben – all das ist Abenteuer. Bei Abenteuer schwingt immer auch das das Unerwartete, Riskante und das Gefährliche mit. Denkt man an die großen Erzählungen der Abenteuerliteratur oder die Entdeckungsreisen, deren Ausgang oft ungewiss war, dann bekommt das Abenteuer immer den Faktor Gefahr und Risiko.

Moderne Abenteurer*innen sind immer auf der Suche nach einem Mehr an Risiko und nach Ausgefallenheit, um die Spannungsreize in die Höhe zu treiben. Was früher Abenteuer war, kann heute im Reisebüro gebucht werden, selbst ein Besuch am Mount Everest inklusive Guided Tour oder eine Reise zum Nordpol sind möglich (vgl. Nordpol-Reise: Expedition durch die Arktis für 44.000 Euro - DER SPIEGEL)    

In diesen künstlich herbeigeführten Abenteuern, ob im Freizeitpark, bei Abenteuerreisen oder entsprechenden Aktivitäten, wird das Gefahrenmoment durch entsprechende Rahmenbedingungen ausgeschaltet. Es bleibt der Kick, sich der eigenen Angst zu stellen, diese lustvoll und vor allem abgesichert erleben zu können und mit neuen Erfahrungen zurückzukehren.

 

Freude am Außergewöhnlichen

Geht es nach dem britischen Abenteurer Alastair Humphreys (von „National Geographic" 2012 zum Abenteurer des Jahres gekürt), dann braucht es dafür auch keine großen oder gefährlichen Unternehmungen, sondern zunächst eine entsprechende Haltung von Offenheit und Begeisterung und Freude am Außergewöhnlichen.

„Adventure is just about doing something you’ve never done - doing it with enthusiasm and curiosity: doing something difficult with passion.”

„Adventure is a state of mind, a spirit of trying something new and leaving your comfort zone. It‘s about enthusiasm, ambition, open-mindedness and curiosity.“

(Alastair Humphreys, Microadventures: Local Discoveries for Great Escapes, 2014)

Humphreys versteht unter Mikroabenteuer „kostengünstige, einfache, kurze und trotzdem sehr effektive“ Unternehmungen, die aber dennoch alles bieten, was echte Abenteuer ausmacht, nämlich: Herausforderung, Spaß, Eskapismus, Lernen und Erfahrung sowie Aufregung”.

 

Gefahr, Angst und Überwindung

Im deutschsprachigen Raum hat Christo Foerster mit seinen Praxisbüchern zu Mikroabenteuern den Begriff bekannt gemacht (vgl. Raus und machen - sei dabei - sei dabei | ⛰️ CHRISTO FOERSTER) . In seinen Büchern bringt er einfache Beispiele und gibt Tipps, wie diese umgesetzt werden können, wenn er eine Übernachtung im Freien oder Schwimmen im Fluss vorschlägt. Aufregend kann das allemal sein, aber einfach umzusetzen und mit entsprechenden Rahmenbedingungen kann auch Gefahr, Angst und Überwindung kontrolliert werden.

Wichtig dabei ist vor allem, dass der Rahmen nicht hinderlich für das Erlebnis wird. Abenteuer soll Spaß und Freude bereiten und so mithelfen sich selbst zu entdecken und weiterzuentwickeln.

Aufregung ist die gesunde Begleiterin des Abenteuers. Sie nimmt uns mit hinaus auf die Reise aus der Komfortzone und sorgt für jenes Prickeln, welches das Abenteuer erst ausmacht.

Neue Erfahrungen gehen oftmals mit den Gefühlen von Lust und Angst einher. Hier gilt es, Aufregung von Angst zu unterscheiden. Diese Gefühle stellen sich bei Kindern wie Erwachsenen von selbst ein und müssen nicht künstlich befeuert werden. Angst hilft uns in unbekannten und möglicherweise gefährlichen Situationen vorsichtiger zu sein. Zu viel Angst ist jedoch eine schlechte Beraterin. Sie lähmt uns und hindert uns die richtigen Entscheidungen zu treffen.


Im Abenteuer können wir mit den Kindern Aufregendes erleben, ohne dass sie Angst haben müssen, sich sicher fühlen und trotzdem Nervenkitzel erleben können.

 

Kinder und Angst

Im Positionspapier zum Thema „Angst“ hat die KJSÖ 2015 die wesentlichen Forderungen zum Umgang mit Kindern und Angst zusammengestellt. Sie sind es auch, die die Grundlage bilden für unser Handeln in abenteuerlichen Situationen.

Wesentliche Forderungen in Bezug auf die Gestaltung von Abenteuern scheinen mir dabei,

  • dass Kindern niemals absichtlich Angst gemacht wird,
  • die Ängste von Kindern immer wahr und ernst genommen werden,
  • Kindern vermeidbare Unsicherheiten erspart werden sowie
  • Kinder in ihrer Angst niemals alleine gelassen werden.

Das bedeutet, dass schon bei der Planung von abenteuerlichen Aktivitäten mitbedacht werden muss, inwieweit diese für die Gruppe und besonders für einzelne Kinder geeignet sind.

In dieser voll.bunt-Ausgabe findest du zahlreiche Ideen und Tipps, die euch als Gruppe in Mikroabenteuer mitnehmen und Spannung, Lust und Aufregung im geschützten Rahmen erleben lassen und so letztlich Kinder stark machen in der Bewältigung ihrer Ängste.

„Im Umgang mit Kindern haben Erwachsene und Bezugspersonen die Aufgabe, Kinder an der Hand zu nehmen und ihnen bei der Bewältigung ihrer Ängste beizustehen. Das bedeutet: Kindern zuzuhören, Anteil zunehmen, Verständnis zu vermitteln und ihnen Sicherheit und Geborgenheit zu geben.“ (Positionspapier der KJSÖ zum Thema Angst)

In diesem Sinnen gilt es, sich auf das Abenteuer einzulassen, sich raus aus der Komfortzone zu begeben, neue spannende Erfahrungen zu machen und gemeinsam die Herausforderungen und vielleicht auch so manche Überwindung zu meistern.

Viel Spaß dabei!

 

Ewald Staltner

ist bereits viele Jahre Mitglied im voll.bunt Arbeitskreis und erstellt schon seit 20 Jahren mit Begeisterung Adventuregames.