KOLUMBIEN - Corona bremst die ganze Welt V

25.05.2020 | von Luggi Frauenberger
Kolumbien ist das nächste Ziel der „Coronareihe“. Mit drei Krisen kämpft das Land zurzeit um seine Zukunft: Hunger, Corona und die Gefahr des rückkehrenden Krieges.

Corona – Einschleppung und erstes prominentes Wirtschaftsopfer

Schon Ende Februar dürfte der Covid-19 Virus von einer jungen Kolumbianerin, die in Italien war und über Spanien nach Hause kam, nach Kolumbien eingeschleppt worden sein. Bekannt wurde die Infektion am 6. März, woraufhin ab dem 13. März bereits Quarantäneverordnungen für Reisende aus China, Italien, Spanien und Frankreich erlassen wurden. Es folgten rasch Kindergarten-, Schul- und Uni-Sperren und auch die Grenzen wurden bereits ab 17. März bis Ende Mai geschlossen.

Während sich die menschlichen, durch Corona hervorgerufenen Opferzahlen in dem rund 50 Millionen EinwohnerInnen zählenden Land bis jetzt auf relativ kleinem Niveau halten, gibt es seit 10. Mai 2020 ein prominentes wirtschaftliches Opfer, die Avianca. Die zweitgrößte Fluglinie Lateinamerikas, 1919 von einem deutschen Auswanderer gegründet, hatte auch schon im Sommer 2019 Schwierigkeiten, in der Luft zu bleiben. Corona und der damit verbundene 80%ige Umsatzeinbruch haben nun zur Insolvenz geführt. 20.000 Menschen dürften ihre Arbeit verlieren, denn bis Ende Mai gibt es in Kolumbien durch die Corona-Maßnahmen keinen Flugverkehr.

 

Ein fragiler Frieden läuft Gefahr, wieder im Krieg unterzugehen

52 Jahre, 300.000 Tote, 7.820.000 Vertriebene im eigenen Land. Das ist das in Zahlen gegossene Verderben, welches den Krieg in Kolumbien darstellt.

 

 

2016 sollte damit endgültig Schluss sein, als der damalige Präsident Santos mit der FARC-EP, der weitaus größten Guerillaorganisation, übereinkam, den Krieg zu beenden. Der Friedensvertrag wurde feierlich im kubanischen Havanna besiegelt und Präsident Santos erhielt den Friedensnobelpreis dafür.

Die Umsetzung des Vertrages ist und bleibt jedoch sehr zäh und unter dem neuen Präsidenten Ivan Duque sind viele Bemühungen ins Stocken geraten. Vor allem auch diese Tatsache verhindert das Umsetzen des Friedensprozesses: Ehemalige Mitglieder der FARC, die ihre Waffen niedergelegt hatten, um ein neues, ziviles Leben zu schaffen, wurden mittlerweile ermordet, anstatt die versprochene Hilfe zu erhalten.

Diese andauernden Morde an den FARC-Leuten könnten zu einer massiven Wiederbewaffnung führen. Auch deshalb, weil mit anderen Guerillabewegungen bis heute keine Waffenruhe verhandelt wurde. Die kurzfristige Waffenruhe, die von der marxistischen Guerillabewegung ELN für den April 2020 wegen Corona ausgerufen wurde, ist vorbei.

 

Geschichten von Freunden

Am 11. Mai führte ich mit einem Freund aus Kolumbien (er wollte nicht, dass ich seinen Namen veröffentliche), der in der Bergregion Kolumbiens lebt, ein ausführliches Skype-Gespräch mit folgendem Inhalt:

„Die Lage hier in Kolumbien verschlechtert sich seit Corona von Tag zu Tag! Nicht nur, dass viele Menschen gezwungen sind, zuhause zu bleiben und das Problem des Hungers immer größer wird. Wir sehen auch in unserer Gegend eine stetig steigende Zunahme der Gewalt. Erst vor zwei Wochen wurde ein sehr junger Aktivist in einem der umliegenden Dörfer ermordet, weil er sich gegen die massive Abholzung der Wälder eingesetzt hat. Die Leute haben Angst zu reden, sich zu artikulieren oder gar zu demonstrieren. Niemand weiß, wer gerade zuhört. Und wie gefährlich das sein kann, wenn die Falschen zuhören, sehen wir fast täglich in den Berichten über die ermordeten Menschen, die sich für ein lebenswertes Kolumbien einsetzen.

Luggi, du hast in deinen vergangenen „notes from Europe“ geschrieben, dass die PolitikerInnen in Österreich und Deutschland und anderen Ländern in Europa ihre Maßnahmen gegen Corona erklären (müssen), weil Menschen offen nach dem Warum fragen! Das finde ich unglaublich gut. Bei uns erklärt kaum jemand etwas. Hier wird alles nur verordnet, du hast dich daran zu halten oder du spürst alles sehr schnell - durch Gewalt, die auch tödlich sein kann!“

Mein Freund hatte mich am Ende des Gespräches gebeten: „… den Kontakt weiter aufrecht zu erhalten, denn es ist für mich so wichtig, von anderen Formen des Zusammenlebens zu erfahren, um so auch Kraft und Mut für das Leben in Kolumbien zu haben. Denn schon die Angst zerstört unser Zusammenleben.“

 

Ich habe auch zwei weitere Freunde von mir gebeten, mir ein kurzes Video zu schicken. Thomas Acevedo und Steve Legarda beschreiben, wie sie die Lage in Kolumbien sehen und was sie sich für die Zukunft wünschen. Sie haben die Videos (Thomas' Video und Steves Video) gleich in englischer Sprache verfasst.

Beide waren mit dem kolumbianischen Missionsorden der Yarumal Fathers, einem Projektpartner der Dreikönigsaktion, in den Jahren 2018 und 2019 in Kenia als Missionare aktiv. Sie arbeiteten hauptsächlich mit dem Volk der Samburu in und rund um Barsaloi. Jetzt sind sie wieder zuhause – bei ihrem Studium im Homeoffice.

 

Zuhause – und dann?

Der DKA Projektpartner Casitas Biblicas beschreibt in seinem Report zur Lage in Kolumbien, dass die Zunahme von Gewalt, der Hunger, aber auch das Fehlen von Lernmaterialien die Situation in der häuslichen Umwelt stark belastet.

Laut dem staatlichen Institut für Rechtsmedizin (INMLCF) sind in den ersten Monaten des Jahres 2020 insgesamt 3637 Morde in Kolumbien passiert, davon waren 459 Kinder und Jugendliche das Opfer. Die häusliche Gewalt nahm um 14 Prozent zu. Neben dem Versorgen der Menschen mit Lebensmitteln ist die Sorge um ein friedvolles häusliches Umfeld eine wesentliche Aufgabe.

Casitas Biblicas hat dazu über Whatsapp und Telefon Kommunikationsstrukturen geschaffen, die vor allem bei häuslicher Gewalt und Missbrauch helfen können. Diese Dienste werden umfassend von vielen Menschen genutzt. In wöchentlichen Online-Workshops werden in den Fächern Gitarre, Gesang, Englisch, Tanz, Weberei und Theater Fortbildungen angeboten.

Mit den „Casitas Biblicas Toolboxen“, die entliehen werden können, werden Brettspiele, gentechnikfreie Samen für Heimpflanzungen und vieles mehr geboten, um das friedliche Miteinander zu stärken. Für diese Toolboxen hat Casitas bei der DKA um Projektgeldumwidmung angesucht, um diese zu erstellen und verleihen zu können.

Ein extra aufgelegtes Fundraising-Programm in Kolumbien selbst, für die Anschaffung von Laptops, wurde ins Leben gerufen, damit auch die höheren Lehrgänge an den Schulen die Möglichkeit haben, ihre durch Ausgangssperren etc. unterbrochenen Lernfortschritte wieder wett zu machen. 

 

Venezolanische Flüchtlinge – als von der Hoffnung nichts mehr übrig blieb!

1,8 Millionen Flüchtlinge aus Venezuela leben zurzeit in Kolumbien - noch! Viele von ihnen sehen von der Hoffnung, die sie hatten, nichts mehr. Nicht nur, weil sie teils in desolaten Verhältnissen leben und vielerlei Ausbeutung erfahren. Viele fühlen sich als „Menschen zweiter Klasse“.

Manche haben Glück, wie sie es nennen. Der Filmbeitrag von Al Jazeera (englOF) zeigt die Fahrradboten, wie sie in Bogotá herumkreuzen, um für die durch den Lockdown eingeschlossenen KolumbianerInnen die bestellten Waren zu bringen. Aber ohne eigenen Schutz ist auch dies ein risikoreiches Unterfangen.

Viele stehen vor dem Nichts. Der „Corona-Lockdown“, der vor allem in den Megastädten des Landes wie Bogotá, Medellín, Calí etc. die Arbeitsmöglichkeiten dahinraffte, stellt die Flüchtlinge nun vor unlösbare Probleme. Der „Coronahambre“ (der Coronahunger) führt nun dazu, dass sich Tausende auf den mühsamen, hoffnungsarmen Weg zurück in das Elend ihres Heimatlandes Venezuela machen. Was sie dort erwartet, ist für die meisten von ihnen mehr als ungewiss.

 

 

Die dort andauernde politische Unklarheit, wer denn wohl der rechtmäßige Präsident Venezuelas sei, zerreibt seit Jahren diesen Nachbarstaat Kolumbiens. Der drastisch verfallende Ölpreis seit Beginn der Coronakrise und die permanenten Einmischungen der USA in das politische System verschärfen die Lage in Venezuela.

 

Die RegenwaldbewohnerInnen - Wir schützen unsere Heimat selbst!

Ähnlich wie in den Nachbarländern Brasilien, Bolivien und anderen sind sowohl die Lebenswelten der indigenen Bevölkerung Kolumbiens als auch das Überleben der Regenwälder verstärkt in Gefahr, seit Corona die Spielregeln der Gesellschaften so stark verändert.

Die MitstreiterInnen der 102 indigenen Völker Kolumbiens, wie JournalistInnen, NGOs und andere sind durch Ausgangssperren, Demonstrationsverbote etc. massiv daran gehindert, ihre Stimmen zum Schutz der Betroffenen zu erheben. Holzfäller, Goldsucher, Großgrundbesitzer und ausländische Bergbaukonzerne treiben jedoch munter und ungebremst ihr zerstörerisches Spiel um die Natur- und Bodenschätze weiter.

Der indigene Regionalrat des Cauca CRIC (Consejo Regional Indígena del Cauca) ist eine der vielen Organisationen, die auch auf Grund der Coronakrise noch viel mehr als in der Vergangenheit mit dem Schutz ihrer Heimat, den angestammten Lebensräumen der indigenen Völker, zu tun haben. 15.000 unbewaffnete Wächter sind mittlerweile an hunderten Kontrollposten 24 Stunden am Tag tätig, um die indigenen Gebiete vor unerlaubtem Betreten zu schützen.

Jhoe Sauka, der Menschenrechtsbeauftrage der CRIC sagt in einem Interview zu Hanna Willis, der Al Jazeera-Reporterin:

„Das hier ist jetzt wirklich ein Test für die Autonomie der indigenen Bevölkerung. Können wir durch die Schließung unserer Territorien die Infektionen verhindern? Können wir ausreichend Nahrung bereitstellen mit dem Wissen, dass uns unsere Kulturen bereithalten? Wir respektieren die Gefährlichkeit des Virus, aber wir haben keine Angst. Wir arbeiten mit unserer Medizin, unserer Spiritualität und wir achten auf uns gegenseitig, wie wir es immer tun.“

Die Hoffnung bleibt, dass der Schutz der indigenen Gebiete gelingt. Ein Teil des Erfolges wird auch daran hängen, wie schnell die Bedrohungslage durch Corona abnimmt und sich so Kolumbien den „ganz normalen“ Krisen stellen kann: der Wirtschaftskrise, der Korruption, der Menschenrechtssituation, ...

 

Und was ist mit der wichtigsten Bohne Kolumbiens?

Die wichtigste Bohne Kolumbiens ist die mit dem Namen Arabica versehene Kaffeebohne. Nicht nur, weil sie als wirtschaftliche Alternative zu Kokain und anderen Drogen immer wieder ins Spiel gebracht wird und somit auch zu einem Produkt aufgestiegen ist, das den Frieden im Land sichern könnte.

6 Prozent der Weltkaffeeproduktion kommen aus Kolumbien. Und für das Jahr 2020 ist eine Rekordernte in der Zeit von April bis Juni in Aussicht. Das Problem, die Corona-Ausgangsbeschränkungen für die KaffeepflückerInnen einerseits und andererseits die wegen Corona stark reduzierten Schiffskapazitäten weltweit könnten enorm dazu beitragen, dass aus dem großen Kaffeegeschäft heuer auch nichts wird. Obwohl der Kaffeeverbrauch bislang in Europa und den USA kaum nachließ und es somit zu keinem Preisverfall bei Kaffee gekommen ist.

Damit dies auch so bleibt, ist nur zu raten: Trinkt weiterhin eine gute Tasse Kaffee, am besten natürlich von EZA.

Und wie die ProjektpartnerInnen der EZA mit der Coronakrise umgehen, erfahrt ihr auf EZA – wir bleiben verbunden.

 


Quellen

nau.ch, Heinrich-Böll-Stiftung, adveniat.de, DW - Deutsche Welle, euronews, Al Jazeera, coffeecircle.com, eza.cc, Casitas Biblicas, Thomas Acevedo, Steve Legarda

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KOLUMBIEN - Corona bremst die ganze Welt V
Der Klopapierlieferant
Luggi Frauenberger

ist im Jungscharbüro für den DKA-Bildungsbereich mitverantwortlich und betreut das Fundraising und die Spezialprogramme Solidareinsatz und Lerneinsatz.