Pani muni machha – so lautet der Titel eines bekannten nepalesischen Kinderliedes. Ein Lied, das die unbändige Freude am Spielen, am Lernen und Entdecken der Welt ins Zentrum stellt. In den Ohren von Niruta, einer jungen Frau aus Nepal, ruft dieses Lied auch heute noch Erinnerungen an die schönen Momente in ihrer von Herausforderungen geprägten Kindheit wach.
Niruta war ein kleines Mädchen, das gemeinsam mit ihren Eltern in einem abgelegenen Dorf in den hohen Bergen Nepals wohnte. Niruta war gerade einmal zwei Jahre alt, als sich ihre Eltern trennten. Da ihre Mutter schwer krank war, sollte sie von nun an bei ihrem Vater leben. Dieser konnte jedoch aufgrund einer Kriegsverletzung – er verlor im Bürgerkrieg ein Bein – nicht ausreichend für seine kleine Tochter sorgen und war gezwungen, sie in ein Kinderheim in die Stadt Pokhara zu geben.
Eine beschwerliche Tagesreise entfernt von ihrem Zuhause wuchs Niruta – gemeinsam mit anderen Kindern – im Heim auf. Es wurde ihr ermöglicht, die Schule zu besuchen sowie das Spielen von Musikinstrumenten, Tanzen und Zeichnen zu erlernen. Die Mitarbeiter*innen im Kinderheim unterstützten und förderten sie auf vielfältige Weise.
Im Alter von 15 Jahren jedoch änderte sich das Leben der mittlerweile Jugendlichen von heute auf morgen. Sie bekam eine überraschende Nachricht der Direktorin des Kinderheims. Laut gesetzlicher Bestimmung dürfen Kinder/Jugendliche ab 15 Jahren nicht mehr im Kinderheim wohnen, wenn sie keine Vollwaisen sind.
Niruta bekam die Telefonnummer ihres Vaters, um ihn anzurufen und ihn zu fragen, ob sie bei ihm wohnen könne. Dieser sprach sich jedoch dafür aus, dass seine Tochter in der Stadt bleiben solle, um weiter zur Schule gehen zu können. Er legte ihr nahe, sich bei ihrer Mutter zu melden, die mittlerweile in derselben Stadt lebe, wie die Tochter. Mit Mühsal konnte Niruta die Wohnung ihrer Mutter ausfindig machen und sie besuchen. Diese wies sie jedoch zurück und so war die Jugendliche ganz auf sich allein gestellt.
Verzweifelt suchte sie nach Möglichkeiten, wo sie sicher wohnen und schlafen konnte. Aufgrund ihres Alters und weil sie kein regelmäßiges Einkommen nachweisen konnte, wollte ihr anfangs niemand eine Wohnung zur Verfügung stellen.
Nach Lösungen suchend und sich auf ihre künstlerischen Fähigkeiten besinnend, begann Niruta nach Jobs Ausschau zu halten. Sie fing an in Nachtlokalen zu singen, besuchte nebenbei noch die Schule und verdiente ein wenig Geld, das ihr ermöglichte, sich ein eigenes Zimmer zu mieten.
Sie arbeitete täglich – Montag bis Sonntag – von 6 Uhr abends bis weit nach Mitternacht. In den Lokalen herrschten oft sehr schlechte Arbeitsbedingungen. Wenig Lohn, kaum bis keine Pausen und Belästigung von betrunkenen Männern standen auf der Tagesordnung. Müde und erschöpft vom stundenlangen Singen, konnte sie erst in den frühen Morgenstunden schlafen gehen. Anfangs schaffte sie es noch, nach den wenigen Stunden Schlaf aufzustehen und zur Schule zu gehen. Doch nach einer Weile ging es nicht mehr. Jede Nacht zu arbeiten, morgens in die Schule zu gehen und nachmittags zu lernen, brachte sie nicht mehr unter einen Hut. So beschloss sie, die Schule abzubrechen und sich auf ihren Job zu konzentrieren. Ein halbes Jahr lang kämpfte sie damit, ausreichend Aufträge zu haben, um sich über Wasser halten zu können.
Eines Tages – im Rahmen des nepalesischen Lichterfestes, auch „Tihar“ genannt – zog Niruta gemeinsam mit anderen jungen Frauen tanzend von Haus zu Haus und sammelte Geld. Dort wurde sie von einer jungen Frau angesprochen, die sich Sorgen machte und sie fragte, ob sie Hilfe brauche. Sie sei von einer Organisation namens „Opportunity Village Nepal“ (OVN) – einer NGO, die sich gegen Kinderarbeit einsetzt und junge Frauen unterstützt, die von Gewalt und ausbeuterischer Arbeit betroffen sind.
Niruta nutzte diese Gelegenheit, vertraute sich der Frau an und setzte sich mit OVN in Verbindung. Dies war ein weiterer Wendepunkt im Leben der Jugendlichen. Die Mitarbeiter*innen von OVN hörten sich ihre Geschichte an, boten ihr Unterstützung an und setzten sich für sie ein. Sie kam in einen Beratungsprozess, erhielt psychologische Betreuung sowie Berufsberatung und konnte auch wieder zur Schule gehen.
Ihr Talent im Zeichnen von Mandalas wurde entdeckt und OVN unterstützte sie dabei, ihr eigenes Business im Mandala-Design für T-Shirts aufzubauen. Sie bekommt nun regelmäßig Aufträge von Hotels und verschiedenen Shops, bei denen sie ihre selbst designten T-Shirts verkauft.
Die mittlerweile 20-Jährige Niruta BK. besuchte uns gemeinsam mit Govinda Bhattarai – dem Programmmanager von OVN – im Rahmen des Projektpartner*innenbesuchs 2024 in Oberösterreich.
Über 500 Kinder, Jugendliche und Erwachsene konnten hautnah Einblick in das Leben, die Kultur und den Arbeitsalltag von Niruta und Govinda erhalten. Gemeinsam wurde ein Tanz zum nepalesischen Kinderlied Pani muni machha getanzt, traditionelle Kleidung anprobiert und auf kindgerechte Weise die – nicht nur in Nepal vorherrschenden – Problematiken von Armut, Kinderarbeit, Ausbeutung und Menschenhandel thematisiert. Viele waren berührt von Nirutas Lebensgeschichte, ihrem schwierigen Weg vom Kinderheim, über die Arbeit als Sängerin in einem Nachtclub – im Alter von 15 Jahren – bis hin zum Treffen einer Mitarbeiterin von OVN und ihrem mutigen Weg in ein eigenes Business und unabhängiges Leben.
Wünsche
Wenn du drei Wünsche frei hättest, um die Welt zu verändern, wie würden sie lauten, Niruta?
1. Ich werde Menschen, die Gesellschaft und die Gemeinschaft mit dem, was ich bei OVN gelernt habe, inspirieren.
2. Ich werde Straßenhunde retten und sie von Krankheiten und Viren befreien, wodurch auch die Menschen gesund werden.
3. Ich werde eine berühmte Sängerin und Mandala-Designerin sein, die die Welt kennt.
Du möchtest mehr über die Arbeit und das Wirken von OVN erfahren? In dieser Dokumentation bekommst du einen detaillierteren Einblick:
Maya_Story_of_Hope.mp4 (Video)





